Montag, 16. November 2015

Normandie, Juli 1944, 1. Kapitel

Ulf Lahner – der Protagonist


Es gibt eine Unzahl von Romanen über die Zeit des sog. Dritten Reiches und den 2. Weltkrieg. Sieht man von rechter Literatur und den zahlreichen Autobiografien ab, so sind die Protagonisten nahezu immer Opfer des Regimes. Letztes Beispiel ist „Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann, in dem die Protagonisten in die Waffen-SS gezwungen wurden. Ihre Schuld ist ent-schuldbar, schließlich und endlich hatten sie keine Alternative, als den eigenen Tod zu wählen.

Entspricht das der Situation der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg? Bei vielen sicher. Bei den meisten nicht. Ulf Lahner, der Protagonist meines Romans, kann sich nicht ent-schuldigen. Er ist Freiwilliger und er ist ein fanatischer Nazi aus Pforzheim. Das Erschreckende ist, dass die meisten Menschen, die im Krieg schuldig wurden und immer noch werden, keine Monster waren oder sind. Es sind Menschen wie du und ich. Stellen wir uns endlich dieser Wahrheit, wir, die wir nach 1945 geboren wurden, keine individuelle Schuld tragen,  und die wir die ehemaligen deutschen Soldaten als Väter oder Großväter kennen oder gekannt haben.

Beginnen wir mit dem ersten Kapitel.

Ulf wurde zur Waffen-SS eingezogen und nach Frankreich verlegt. Dort muss er gegen die Invasion der Alliierten kämpfen. Der historische Hintergrund ist, dass seine Einheit tatsächlich von Südwestfrankreich an die Normandie verlegt wurde, d. h. die Bezeichnung der Einheit ist korrekt. Dort war auch die 12. SS-Panzer Division „Hitlerjugend“ mit blutjungen Soldaten im Einsatz. Diese haben fanatisch gekämpft und hohe Verluste erlitten. Ulf kann durchaus mit diesen jungen, fanatisierten Menschen verglichen werden. Bezüglich der historischen Ereignisse und ob die Schilderungen im ersten Kapitel realistisch sind, habe ich mit einem ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS gesprochen, der ebenfalls im Alter von Ulf als Panzergrenadier in der Normandie war. Er hat mir die Authentizität der Ereignisse bestätigt.

In einer Diskussion im Blog „Lovelybooks“ musste ich erfahren, dass die von mir beabsichtigte Darstellung des Selbstmordgedankens von Ulf nicht immer wahrgenommen wurde. Die zwei Sätze: „Er würde sterben“, und: „Es war ein guter Tag, um alles hinter sich zu lassen“ konnte man ebenso gut als Todesmut und Fanatismus bis zum letzten Atemzug deuten. Ein weiterer Hinweis auf seine Selbstmordabsicht habe ich geglaubt in der Art der eingesetzten Waffe gegeben zu haben. Haftminen mussten direkt am Panzer angebracht werden. Das war mehr als gefährlich und durchaus in einer solchen Situation nicht mehr üblich. Sein Überleben hat er in diesem Moment der Tatsache zu verdanken, dass die britischen Panzer ohne Panzergrenadiere erschienen sind.

In diesem Moment ist Ulf für mich noch ein überzeugter Nazi und keinesfalls lebensmüde an sich, obgleich es viele Soldaten gab, die den Krieg nicht mehr aushielten und den Tod bewusst suchten. Das Motiv von Ulfs Todessehnsucht steht in diesem Moment als Fragezeichen über der Handlung.


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