Montag, 21. Dezember 2015

Pforzheim, Januar 1944, 2. Kapitel

Nur der Tod vergisst

2. Kapitel


Ist Ihnen aufgefallen, dass in politisch korrekten Romanen über den Zweiten Weltkrieg die deutschen Soldaten entweder zu den Opfern gehören oder herzlose Bestien sind? Ein typisches Beispiel hierfür ist „Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann. In ihm werden die Protagonisten in die SS gezwungen (= Opfer), ihr Vorgesetzter zwingt sie dazu, einen Freund zu erschießen, der auf der eigenen Stube lag (= herzlose Bestie). Warum diese Schwarz-Weiß-Malerei so ist, liegt auf der Hand: Wir sind keine herzlosen Bestien! Die Täter … das könnten niemals wir sein! Aber entspricht dies den Tatsachen? Wir, die wir nach dem Krieg geboren wurden haben die ehemaligen Soldaten, auch die der Waffen-SS, keinesfalls als seelenlose Bestien erlebt, sondern als Menschen wie du und ich. Wie konnten sie dennoch Hitler folgen?

Ohne den Anspruch zu erheben, dies beantworten zu können, ist das kurze zweite Kapitel ein Einstieg in die Charakterisierung des Protagonisten Ulf Lahner. Er ist ein liebevoller Sohn UND er ist überzeugter Nazi. Wollen wir einem Achtzehnjährigen die Ent-Schuldigung durchgehen lassen, dass er noch nicht Herr seiner Sinne ist? Ich denke nicht, dass wir das tun sollten. Er meldet sich freiwillig, er ist bereit für Hitler zu sterben und er weiß, was er tut. Sein „Pflichtgefühl“ ist so stark, dass er seiner alleinstehenden Mutter den Schmerz antut, sich zur Waffen-SS zu melden, eine Einheit, die dafür bekannt war, besonders viele Gefallene beklagen zu müssen. Dennoch glauben wir ihm, dass es ihm nicht leichtfällt, seine unpolitische Mutter mit dem seinem wahrscheinlichen Tod zu konfrontieren.


Die andere Figur des Kapitels ist der ältere Oberfeldwebel. Er ist ganz und gar nicht damit einverstanden, dass Ulf sich zur Waffen-SS meldet, kann dies aus verständlichen Gründen aber nicht klar ausdrücken. Er ist das, was ehrlicherweise als Mitläufer bezeichnet werden kann. Widerstand würde seinen Tod bedeuten, entweder Versetzung in eine Strafkompanie, Hinrichtung oder KZ. Wir können in ihm ahnen, dass er dem Nazi-Regime kritisch gegenüber steht, aber er würde es niemals thematisieren. Dieser Typus des Soldaten, der vom Regime mitgezogen wird, der im Endeffekt aus einer Art Notwehr Hitler stützt, wird im Roman nicht mehr auftauchen. Für ihn haben wir Verständnis und seine Einstellung würden wir zu gerne all jenen unterstellen, die nach dem Krieg heimgekehrt sind. Verkennen wir aber nicht, dass die deutschen Soldaten militärisch gesehen, gemessen an ihrer zahlenmäßigen und materiellen Unterlegenheit, sehr erfolgreich waren, so zynisch das auch klingen mag. Wäre das mit der Einstellung des Oberfeldwebels zu erreichen gewesen? 

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